Barbara-Künkelin-Preis

Dankesrede Ulla Lachauer

Dankesrede von Ulla Lachauer:

Liebe Festversammlung!
Sehr geehrte Frau Rommel, liebe Familie Abele!
Sehr geehrte Damen der Jury!
Sehr geehrter Oberbürgermeister Klopfer, sehr geehrter Herr Dr. Dietrich!
Ich begrüße herzlich die Mandatsträger!
Lieber Rupert Neudeck!
Lieber Uwe Naumann!
Liebe Musikantinnen, Lea und Josefin!
Liebe Familie, liebe Freunde!

Der Held meiner Kindheit war ein Affe, ein neugieriger kleiner Schimpanse mit einem Fahrrad. Coco hieß er. Vielleicht war Coco auch eine Sie – wie die Dame Coco Chanel, deren Mode meine Tanten verehrten. Männlich oder weiblich, das war mir herzlich egal, nehmen wir zu Feier des Tages einfach mal an, es war eine Heldin. „Coco fährt Rad“, hieß das Bilderbuch, und das wichtigste für mich war das Rad, das blau war und haargenau wie meins. So eines hatte ich mir zu Weihnachten gewünscht und überraschender Weise schon vor dem Fest bekommen, „zum Trost“, wie es hieß. Denn ich war, weil meine Mutter mal wieder ein Kind bekam, aus meinem Elternhaus verbannt worden, zu meinen gestrengen Großeltern. Fünfeinhalb Jahre war ich, Älteste von drei und demnächst vier Geschwistern, und ich fühlte mich unendlich verlassen.
Ort der frühen Melancholie ist Ahlen in Westfalen. In jenem nasskalten Dezember 1956 dachte ich – vermutlich zum ersten Mal – über die großen Fragen des Lebens nach: Wer bin ich? Wo ist mein Platz auf der Welt? Da konnte ich eine Bilderbuch-Heldin, eben diese Coco, gut brauchen. Coco war ein Waisenkind aus dem afrikanischen Urwald. War ich nicht auch so etwas wie eine Waise? Coco war von einem Mann, dem „Mann mit dem gelben Hut“, gerettet und dann adoptiert worden. So jemanden könnte ich doch auch finden, oder? Ich hielt Ausschau. Es gab einen Mann in meiner Nähe: einen uralten mit nur drei Zähnen in seinem schiefen Mund und einem steifen Bein, den die Großeltern „Brüser“ nannten. „Brüser“, ohne „Herr“, ohne Vornamen. In unserem Städtchen bekannt wie ein bunter Hund unter dem Namen „Kalle Stumpen“. „Kalle Stumpen! Fang mich doch!“ Schrien ihm die Kinder hinterher. So einer konnte unmöglich ein Retter sein. Oder doch? Brüser war immer zur Stelle, wenn ich auf dem Hof Radfahren übte. Von irgendwoher humpelte er zu mir, schubste mich an. Er war es, der eines Tages die Stützräder abmontierte, er war der Zeuge meiner Missgeschicke und Helfer. Ich spürte seine Zuneigung. Noch heute bedauere ich, dass Karl Brüser, der Knecht meiner Großeltern, starb, bevor ich erwachsen war und ihn nach seiner Geschichte fragen konnte.
Nachts träumte ich von meinem blauen Fahrrad. Freihändig fahren wie Coco! Nach einem Sturz einfach weiterradeln – das war meine Lieblingsgeschichte: wie Coco, weil das Vorderrad verbeult war, nur auf dem Hinterrad weiterfährt, einem Cowboy gleich, dessen Pferd sich aufbäumt. Immer waghalsiger wurde ich, immer sicherer, ich erinnere mich, es war ein großartiges Gefühl der Freiheit. Ich lebte nur dafür, aller Trübsinn war verflogen. Radeln, in den Matsch fallen, aufstehen, Juppheidi – d a s war mein Platz auf der Welt.
Die besten Dinge passieren einfach. Ich möchte Ihnen heute von einem Augenblick erzählen, der mein Leben veränderte. Im Sommer 1989, also ziemlich lange her. Lea war damals gerade geboren, Josefin noch nicht mal auf der Welt. Ein besonderer Sommer für ganz Europa, Sie erinnern sich: Überall rumorte es, in Polen, in Ungarn, im Baltikum. Was würde daraus werden? Die große Freiheit? Ein neuer Krieg? Ich war damals achtunddreißig Jahre, ein gutes Alter, man ist schon erfahren und hat noch jede Menge Kraft. So alt etwa war auch Barbara Künkelin, als sie mit ein paar Frauen den Rat der Stadt Schorndorf stürmte und, wie es heißt „mit Waffengewalt“, als da wären Kochlöffel, Mistgabeln und Hacken, die Männer zwang, nicht vor den Franzosen zu kapitulieren.

1989, im September, war ich mit einem Team des Westdeutschen Fernsehens in der litauischen Sowjetrepublik unterwegs, um einen Film über das Memelland zu drehen, den schmalen Streifen jenseits des Stroms, der früher einmal zu Deutschland gehört hatte. Ein paar Monate zuvor war er noch militärisches Sperrgebiet gewesen, wir waren die ersten westlichen Journalisten hier. Alte Alleen, der Strom und über der Ebene gewaltige Himmel, verwilderte preußische Moorkolonien – die Landschaft nahm uns sofort gefangen. Hin und wieder trafen wir Deutsche, übrig gebliebene Memelländer, alte Frauen meist, in Kittelschürze und Gummischuhen, die weinten, wenn sie uns sahen.
An dem Nachmittag, den ich meine, streiften wir in Bitenai umher, einem Dorf, das zu deutscher Zeit Bittehnen hieß, und suchten nach Spuren des Dichters Johannes Bobrowski. Einer seiner Romane spielt dort, Mitte der 1930er Jahre. Wo war der Weg zum Götterberg Rombinus? Das Gasthaus, die Schule aus rotem Backstein, die Bobrowski so genau beschrieben hatte? Nicht zu finden! Vielleicht hatte er ja geflunkert? Man darf Schriftsteller eben nicht so wörtlich nehmen. Vielleicht waren die Gebäude auch im Krieg zerstört worden, oder danach von den Kommunisten platt gemacht? Wir Städter aus dem reichen Westen sahen vor allem die Idylle: Holzhäuschen, Storchennester, Katzen, die in der Sonne schnurrten. Überall roch es nach Äpfeln, ich erinnere mich bis heute an ihren Duft. Wir klaubten welche von der Wiese auf. Möglicherweise wäre ohne die Äpfel an diesem Abend nichts weiter passiert, unser Team wäre abgezogen und fertig. Doch weil die Äpfel so köstlich waren, blieben wir und aßen einen nach dem anderen – auf einem Sandhügel mit Blick auf die Memel, und bemerkten gar nicht, dass Alvydas, unser litauischer Fahrer, verschwunden war. Wir warteten, wurden träge, bald schläfrig. Irgendwann, es war schon fast Abend, trat der Vermisste mit einem Riesenkorb voller Pilze aus dem Wald. Während wir sie bestaunten, näherte sich ein alter Mann, offenbar ein Dorfbewohner. „Labas vakaras!“ Wir grüßten zurück mit „Labas, Labas“, ohne stehen zu bleiben. „Deutsch?“ Fragte er. „Hm“, brummte ich, und stapfte weiter Richtung Auto. Er mit. Und so ließ ich über den Dolmetscher doch noch die Routinefrage stellen: „Wohnt hier noch jemand von früher?“ – „Ja, eine Frau, Lena Kondrataviciene. Das Haus da oben, wo die vielen Dahlien blühen.“
Wir hatten erst einige Filmmeter gedreht an diesem Tag, also los, die Gerätschaften geschultert, Kamera, Stativ, Ton, Ersatzakkus. „Frau Lena“ riefen wir im Chor, „Frau Lena!“ Es rumpelte im Haus, heraus kam eine Frau mit struppigem grauem Haar, klein und behände und ein wenig krumm. Sie schien kein bisschen verwundert über unseren Besuch. Mit der größten Selbstverständlichkeit der Welt fing sie an zu erzählen: „Wie lang ich hier schon wohn? Gleich achtzig Jahre. Die anderen Bittehner sind verstreut in alle Winde. Die meisten sind im Westen, in Deutschland. Manche sind auch in Kanada, manche sind in Amerika. Jede nachdem, wie das Schicksal sie verschlagen hat. Die einzige bin ich geblieben.“ Sie sprach von Leid und Einsamkeit – und strahlte dabei Kraft und Helligkeit aus. Die Kamera lief. „Leben Sie gern hier?“ fragte ich. „Ja“. Sie lachte. „Jetzt auf Lebensende sollte man doch auch wirklich gerne leben hier. Wo soll man noch weiter hin? Heimat ist Heimat, da kann man nichts Besseres finden.“
Sie hörte nicht auf. Dem Kameramann wurden die Knie weich, die Arri auf der Schulter, musste er, weil die Erzählerin so klein war, bis fast in die Hocke gehen. Sie merken, liebe Festversammlung, wir sind noch im Film-Zeitalter. Nur zwölf Minuten hatte so eine Rolle Zelluloid. Unser Assistent hantierte derweil im Dunkelsack und bereitete die nächste Rolle vor, und noch eine. Und ich dachte, das ist ja ein Roman, so viel Filmmaterial haben wir gar nicht, und weiter: Ich werde ein Buch schreiben über dieses Leben. Niemals zuvor hatte ich an so etwas gedacht. Bücher lesen ja, aber schreiben?
Alle im Team haben das Besondere empfunden. Diese Frau stellte eine provozierende Behauptung auf: Sie habe in diesem schrecklichen 20. Jahrhundert den besseren Teil erwischt, sie, Lena Kondrataviciene, geborene Grigoleit, die zu Hause blieb, sei glücklicher als die anderen, die im großen Strom der Geschichte schwammen und heute komfortabel im Westen leben.

Drei Wochen blieben wir im sowjetischen Litauen. Selbst in den entlegensten Dörfern spürten wir den Wind der Freiheit, überall an den Straßen Menschen, die „Lietuva, Lietuva!“ riefen. Der Rückflug Vilnius – Frankfurt ging wieder über Moskau, die Hauptstadt der wankenden Sowjetunion. Ich fuhr sofort weiter, noch in Räuberzivil, nach Zürich, wo mein Mann gerade ein amerikanisches Theaterstück inszenierte. Zürich war ein Schock: dieser Luxus, dieser Glanz! Beim Schaufensterbummel in der Bahnhofstraße kriegte ich fast einen Nervenzusammenbruch. Danach blieb ich in dem gemieteten Zimmerchen, zog mir die Decke über den Kopf oder sah fern. Montagsdemo in Leipzig, Flüchtlinge in der Prager Botschaft. Mal Vilnius, singende Menschen mit rot-grün-gelben Fähnchen. Lena – wie mag es Lena gehen.

Ende Oktober 1989 reiste ich nach Westfalen, zu meinem kranken Vater. Morgens, mittags, abends Fernsehen, die Mauer fiel, wir saßen auf dem Sofa und heulten wie die Schlosshunde, das erste Mal im Leben, dass wir gemeinsam weinten. Ich muss nach Berlin! Dachte ich. Sofort! Da passiert Weltgeschichte, etwas ganz Einmaliges, Wunderbares. Alle Journalisten sind in Berlin! Ich fuhr nicht, blieb in Ahlen, und schämte mich ein wenig dafür. Später redete ich mich gegenüber Kollegen damit heraus, ich hätte meinen Vater nicht allein lassen können. Ich glaube, ich hatte Angst. Angst vor den Menschenmassen, und Angst, wieder mal zu langsam zu sein. Schon im Kindergarten war das so, mein Platz war die „Klüngelsbank“, wer sein Butterbrot nicht in einer halben Stunde aufaß, musste auf die Bank draußen vor der Tür. Sie, liebe Festversammlung, werden inzwischen auch schon denken, die kommt ja gar nicht vom Fleck. Wie gesagt, die welthistorischen Tage im Jahr 1989 verbrachte ich abseits, in der Provinz. Auch hier geschah etwas – mein sonst so wortkarger Vater erzählte. Er sprach über seine Kindheit, vom Wald und vom Wind, von der Jagd, Abenden am offenen Herdfeuer. Und ich verstand, dass er den Bauernhof im westlichen Münsterland immer noch vermisste, er sich in Ahlen, nur achtzig Kilometer von seiner Heimat entfernt, im Exil fühlte. Wie gern er Bauer geworden wäre, Tierarzt war für ihn nur die zweite Wahl gewesen. Wie sehr er zeitlebens ein Landmensch geblieben war. So ist er mir bis heute in Erinnerung: in Holzschuhen, einer der im Garten gräbt und überreichlich Mist verstreut, Obstbäume und Rosen veredelt, der immer irgendetwas züchten muss – ob Champignons oder Spargel, Jagdhunde.

Aus dem Dorf an der Memel kam ein Brief: „Chère Madame Ulla!“ Woher konnte sie Französisch? „Wann sehen wir uns wieder? Es wartet darauf – Ihre Lena Grigoleit.“ Am 10. März 1990 nahm ich den Zug von Berlin, am Morgen des 11. März (heute vor 22 Jahren) kam ich in Vilnius an, just an dem Tag, als Litauen seine Unabhängigkeit von Moskau erklärte. Hochstimmung, auch im Bus Richtung Klaipeda, erregte Gespräche. Die letzten vier Kilometer ging ich zu Fuß, auf einem Sandweg, „an der vom Blitz gespaltenen Kopfweide müssen Sie nach Bittehnen abbiegen“, hatte Lena geschrieben. Wir verbrachten zwei Tage miteinander in ihrer russgeschwärzten Küche, zwischendurch Speck, Brot und Tee, die Zeit verflog nur so. Ich war hingerissen von ihrem Erzählen, wenngleich ich ihren Dialekt, das singende, knarrende, mit litauischen Wörtern durchsetzte Ostpreußisch, nicht immer verstand. Ein Leben voller Dramatik: 1910 ist sie geboren, unter dem letzten Kaiser, nach dem Ersten Weltkrieg fällt der schmale Streifen jenseits der Memel an Litauen, sie heiratet einen Litauer, zwei Töchter, kurz vor der Geburt der zweiten hat Hitler die Gegend „heim ins Reich“ geholt, Krieg und Flucht, 1945 Rückkehr nach Bittehnen, sie werden Sowjetbürger, 1951 Deportation nach Sibirien mit der ganzen Familie, Zwangsarbeit und Kälte, dann wieder nach Hause, ihr Dorf ist nun Teil eines Kolchos, ihre Nachbarn sind Fremde, neu zugezogene Litauer. Nur ein handtuchgroßes Stück Land ist ihnen geblieben, die Angst hört niemals auf, Lena Grigoleits Alter ist einsam. „Das wird ein schönes Buch abgeben, Ullachen.“ Sagte sie zum Abschied, und: „Was wird Moskau jetzt tun?“
Ich streifte noch einige Tage durchs Land, Memel abwärts. Meistens ging ich zu Fuß, was wegen des Hochwassers ziemlich beschwerlich war. Mal nahm mich ein mitleidiger Motorradfahrer mit, oder ich lieh mir irgendwo einen zerbeulten Drahtesel (damals kam mir übrigens „Coco fährt Rad“ wieder in den Sinn). Der März ist die beste Jahreszeit, um die Folgen gesellschaftlicher Katastrophen zu besichtigen – der Schnee ist schon weg, das Grün noch nicht da, alles liegt nackt und bloß. Ruinen, Verfall überall. Am traurigsten die Kirchen, die als Speicher, Ställe oder Turnhallen dienten. In Klaipeda, dem früheren Memel, hörte ich zum ersten Mal wieder Nachrichten: Moskau erkannte Litauens Unabhängigkeit nicht an. Eines Morgens sah ich vom Bus aus eine alte Frau, die sich bekreuzigte und sich plötzlich, wie von Sinnen, zu Boden warf – dies Bild werde ich nie vergessen. Dann hörte ich die Panzer.
Ich flüchtete. Nach Vilnius, schnell, schnell zum Flughafen. Kein Flug. Die Telefonleitungen ins Ausland waren gekappt, nur im Parlament, hieß es, wären Satellitentelefone. Also begab ich mich dorthin, um wenigstens meiner Familie melden zu können, „alles in Ordnung“. Ich schrie ins Telefon, „Mutter, Vater, sorgt euch nicht!“, bis mir ein japanischer Reporter den Hörer entriss. Aus aller Welt waren sie da, um über den Kampf Davids gegen Goliath zu berichten. Wir saßen jetzt fest, ich mit, wir Journalisten, zusammen mit den Mitgliedern des Parlaments und seinem Vorsitzenden Landsbergis. Unbewaffnet, bis auf ein paar Flinten, da draußen einige Dutzend Panzer der Roten Armee. Drei Tage und Nächte verbrachte ich hier, zwischen Zigaretten qualmenden Männern, kampferfahrene Haudegen darunter, in der Nacht erzählten sie von Vietnam, Angola. Zähes Warten. Das Ultimatum der Roten Armee fast eine Erlösung: „Bis 16.00 hat sich das Parlament zu ergeben.“ In den Trupp der Reporter kam Bewegung. „London, London!“ Der Brite erwischte zuerst ein Telefon. „Paris, la guerre, à seize heure! Sentoo! Nie habe ich in so vielen Sprachen das Wort „Krieg“ gehört. „Hallo Mainz, es geht los.“ Landsbergis erschien und verkündete, eine Kapitulation käme überhaupt nicht infrage. Eine gefährliche Situation, ähnlich vielleicht der von 1688, als die Franzosen vor den Toren Schorndorfs standen und Barbara Künkelin auf den Plan trat. Wie soll ich es Ihnen sagen? Wenn es nach mir gegangen wäre in Vilnius, ich hätte kapituliert. Die heldenmütige Standhaftigkeit war in meinen Augen der reine Wahnsinn. Für die Freiheit Litauens sterben? Um 15.30 verließ ich den Schauplatz.
Es gab ein Blutbad, aber erst neun Monate später. Im Sommer 1991 war der Weg in die Unabhängigkeit endlich frei, damit auch der Weg für Lena Grigoleit und mich. Im darauf folgenden April packte ich Notizbuch und Tonband ein – es war Litauens erster Frühling in Freiheit. „Du kommst mir gerade recht, Ullachen!“ Rief Lena mir strahlend entgegen und drückte mir eine Hacke in die Hand. „Ab aufs Feld!“ Sie hatte gerade einen Teil ihres elterlichen Landes zurück bekommen, 3 Hektar von 26, die ihr zustanden, und sie hatte sich in den Kopf gesetzt, noch einmal – mit ihren 81 Jahren – Bäuerin zu sein. Ich erwies mich als anstellig, wir waren ein gutes Gespann. Zum Pflügen und Eggen liehen wir uns Pferd, der Rest musste mit der Hand getan werden. Die Tage waren warm, wir standen barfuß in den Furchen. Jede Reihe, die wir schafften, quittierten wir mit Freudengeheul. Das Saatgut hatte gereicht! Kartoffeln und Runkeln, Rote Beete, Mohrrüben, Luzerne, Gerste, nichts fehlte! Sogar für den Mohn fanden wir ein verstecktes Plätzchen am Waldrand. Zwischendurch führte ich mit ihr Gespräche über ihr Leben, unternahmen wir mit Bella, der zotteligen alten Hündin, Spaziergänge durchs Dorf, an der Memel entlang. Um 17.00 hockten wir immer vor der Glotze, die brasilianische Seifenoper war ein Muss, „Bogatie tosche platschut“, das Melodram über Liebe und geschäftliche Intrige im Kapitalismus war russisch synchronisiert, zu Deutsch „Auch Reiche weinen.“
Mein Feldtagebuch füllte sich, täglich lernte ich Neues, nicht zuletzt über deutsche Geschichte. Lenas eigenwillige Sprache wurde mir vertraut, bäuerlich handfest war sie , sinnenfroh und voller Poesie. In drei Wochen entstand das Rohmaterial des Buches: eine weitschweifende, springlebendige Erzählung, aus der ich später meinen Text formen würde. Wie ist diese Frau in den Stürmen des 20. Jahrhunderts so hellwach und geistig autonom geblieben? Fragte ich mich. Nie werde ich diesen schöpferischen Frühling 1992 vergessen – ich war am richtigen Platz, zur rechten Zeit.

Und das Glück setzte sich fort, das neue Europa brauchte Geschichten wie die von Lena Grigoleit. Hunderttausende haben ihre Biografie mit dem Titel „Paradiesstraße“ gelesen – heimwehkranke Ostpreußen und ihre Kinder, Politiker und Diplomaten, die sich der Wirklichkeit in diesem lange hinter dem Eisernen Vorhang verborgenen Osten stellen mussten. Das Buch wanderte durch die Volkshochschulen und Büchereien, Rotary-Clubs, Gefängnisse, Klöster. Die Landfrauen liebten Lena Grigoleit, die ganz besonders. In den Lesungen saßen Bauern, Studentinnen und Hebammen, Friseurinnen, Banker und Malermeister, Installateure, Metzger. „Nirgends geht es so bunt zu wie auf der Welt“, hätte Lena wohl dazu gesagt. Leider hat sie selbst den Trubel um ihre Person nicht mehr erlebt, die Übersetzungen ins Litauische, Russische, Polnische.
Der Begegnung mit Lena, diesem Augenblick im Jahr 1989, verdanke ich viel: Wo ist mein Platz? Weiß ich seitdem. Was ich als Kind schon gespürt und dann, in den Wirren und Zweifeln des Erwachsenwerdens, wieder verloren hatte, war mir jetzt ganz klar: Eigentlich muss ich mich nur treiben lassen, so wie der Affe Coco auf dem blauen Rad. Und wenn es mir irgendwo gefällt, verweilen, und dann nichts tun, bloß dasitzen und geruhsam zuhören. Mittlerweile sind einige Abenteuer dieser Art zusammen gekommen, Reisebeschreibungen und Porträts, übrigens mehr von Frauen als von Männern. Keine Ahnung warum, es ist einfach so. Jedenfalls entstand aus diesen Begegnungen die Überzeugung, dass jeder Mensch, auch der unscheinbarste, uns etwas zu sagen hat, das Weltwissen eines Jeden gleich wichtig und gleich wertvoll ist.
Ich danke der Jury und der Stifterfamilie Abele und der Stadt Schorndorf. An diesem Tag möchte ich auch meinen „Heldinnen“ danken:
Lena Grigoleit und ihren Töchtern Birute und Irena.
Der Moorbäuerin Erdmute Gerolis, die mir die Offenbarung des Johannes erklärte.
Nadesda Boleslawowna Balzewitsch, die als junges Mädchen Fremdarbeiterin in Deutschland war und als alte Frau die Ruine des Königsberger Doms bewacht hat.
Der Übersetzerin Rita Pauls, geboren in der kasachischen Steppe, heute Stuttgart, und ihren frommen Großmüttern, den Bauerntöchtern Maria Pauls und Alexandra Iwanowna Kirilowa, die von der Sowjetmacht in den Kolchos gezwungen wurden.
Der blinden Gärtnerin Veronika Zimmermann, die die Welt klarer sieht als viele von uns.
Diese Frauen hätten Barbara Künkelin gefallen, ganz bestimmt.

Stuttgart, den 9. März 2012, Copyright Ulla Lachauer