Als die Deutschen weg waren

Was nach der Vertreibung geschah: Ostpreußen, Schlesien, Sudetenland
Als die Deutschen weg waren

Als die Deutschen weg waren

Was nach der Vertreibung geschah

 

Dieses Buch widmet sich einem Kapitel der jüngeren Geschichte, das bislang weitgehend unbeachtet blieb:
Was geschah nach der Vertreibung der Deutschen? Was genau passierte, als sie in Ostpreußen, in Schlesien, im Sudetenland ihre Häuser und ihre Heimat verlassen hatten?
Wie haben sich die russischen Besatzer verhalten und wie reagierten polnische und tschechische Nachbarn auf die Vertreibung?
Wie erging es Deutschen, die sich weigerten zu gehen oder die gezwungen wurden, Tschechen oder Polen zu werden?
Was denken heute die ‚Dagebliebenen‘ über diese Vergangenheit?

Die Autoren des Buches stellen drei Orte in den Mittelpunkt – Tollmingkehmen in Ostpreußen, Groß-Döbern in Schlesien und Gablonz im Sudetenland – und erzählen die Lebensgeschichten der vertriebenen Deutschen und der dagebliebenen oder neu angesiedelten Russen, Polen und Tschechen. So entsteht ein fesselndes Bild davon, wie schwer es den betroffenen Menschen fiel, im ehemals deutschen Osten Wurzeln zu schlagen – als die Deutschen weg waren.

 

Beitrag von Ulla Lachauer:

Abschied von der Krokuslwiese. Lebensweg einer deutschen Böhmin     (S. 115 – 180)“

„Ja jsem Cech!“ War ihr erster Satz in der fremden Sprache. „Ich bin ein Tscheche!“ Vier Jahre ist die kleine Christa damals, 1945, als die Nachbarkinder sie prügeln, solange, bis sie die Losung sagt.

Christa Petraskowa

Als Christa Tippelt ist sie 1941 im böhmischen Gablonz geboren, der berühmten Stadt der Glasmacher. Als eine der wenigen deutschen Familien bleiben die Tippelts nach Kriegsende in der Heimat, Christa und ihre Mutter bleiben in dem winzigen Häuschen, niemand wirft sie heraus, weil das Dach schadhaft ist. Zwei Jahre später kommt der Vater aus der Gefangenschaft zurück. Er arbeitet als Straßenwärter, die Stadt heißt nun Jablonec, er ist „ganz unten“, genau wie früher in Gablonz. Bloß nicht auffallen, ist das wichtigste Gesetz des Überlebens. Zuhause spricht man deutsch oder „paurisch“, den hiesigen Dialekt, miteinander – eine kleine deutsche Insel im tschechischen Meer.

Viele Kämpfe hat Christa zu bestehen, bis sie ihren eigenen Weg findet. Eines Tages wird sie die tschechische Literatur lieben, sie wird einen Tschechen, Josef Petrasek, heiraten und mit ihm zwei Kinder haben. Und immer bleibt sie zwischen zwei Kulturen, ein Zwiespalt, heute noch schmerzhaft, und ein Reichtum zugleich. Sie liebt ihre Heimat – ganz besonders die Krokuslwiese am Rande der Stadt, die seit ihrer Kindheit in jedem Frühjahr besucht, und Gablonzer Glasknöpfe. Weit über hunderttausend hat sie gesammelt, sie ist heute eine der besten Kennerinnen dieser Materie. Mit zweiundsechzig Jahren hat sie ihren Magister in Ethnologie gemacht, das Thema der Prüfungsarbeit: „Knoflíky a Lidé“, „Menschen und Knöpfe“.